Wir bringen die Welt ins Haus

Liebes Publikum,

bei den Vorbereitungen auf meine erste Spielzeit als Künstlerischer Leiter des Theater Kanton Zürich stiess ich auf Siegfried Lenz’ wunderbare kleine Novelle «Landesbühne». Mit grosser Zärtlichkeit für seine Figuren erzählt Lenz von einer handvoll Häftlingen, die während des Gastspiels einer Theatertruppe in ihrer Vollzugsanstalt deren Schauspieler-Bus kapern und in eine benachbarte Gemeinde fliehen. Dort werden sie für Schauspieler, für Künstler gehalten und vorbehaltlos in das städtische Leben integriert. Aller­dings hält die Utopie vom vorurteilslosen Start in ein neues Leben nicht lange an …

Landesbühne, so nennt man die Kompanien, die Theater in die Region bringen. Diesen Auftrag hat sich das Theater Kanton Zürich seit nunmehr fast 40 Jahren auf seine Fahnen geschrieben. In Lenz’ Erzählung offenbart der Intendant an einer Stelle, was Theater für ihn im Kern ausmacht: Kenntnis zu nehmen von anderem Leben, und das auf unterhaltsame Weise – dazu lade das Theater ein. Es bringe die Welt ins Haus, in gewisser Weise bereite es auch auf die Welt vor. Eine schöne Aufgabe, der ich mich mit meinem ersten Spielplan, den Sie hier in Händen halten, gerne stellen möchte.

Haben Sie Lust auf Neues? Lust auf neue Gesichter – auf und hinter der Bühne – neue Schauspieler, neue Regisseure? Und Lust, sich auf Geschichten einzulassen? Geschichten, die Sie berühren, erheitern, anregen, unterhalten, nachdenklich machen oder ganz einfach mitten ins Herz treffen? Sie erwartet ein hoch motiviertes Ensemble voller Spiellust und insgesamt sieben brandneue Inszenierungen, die von sechs verschiedenen Regisseuren verantwortet werden – so viele Premieren gab es schon lange nicht mehr in einer Spielzeit am Theater Kanton Zürich.

Wir haben Lust auf mehr Vielfalt, auf sehr unterschiedliche Regiehandschriften und auf neue überraschende Ästhetiken. Im Spielplan finden Sie moderne Klassiker, Komödien, Zeitgenössisches, Schweizer Autoren sowie ein Kinder- und ein Jugendstück. Der Schwerpunkt unserer ersten Saison liegt auf der Schweiz, dem Kanton Zürich. Wir haben Autoren und Stoffe gesucht, die sich verstärkt mit der Wirklichkeit im «Hier und Jetzt» beschäftigen. Es sind Themen wie Liebe, Eifersucht und Weltflucht, es geht um beruf­liche Hahnenkämpfe, um Ehefreud und Eheleid, Mord aus Geltungssucht, um zaghafte familiäre Annäherungen und Migrationskonflikte. Eingerahmt wird der Spielplan von den grossen Schweizer Schriftstellern Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Ihre Jubiläen – beide sind vor 20 Jahren gestorben, der erste hätte in dieser Spielzeit seinen 90., der zweite den 100. Geburtstag gefeiert – sind Anlass genug, sich mit ihrem Werk szenisch auseinander zu setzen. Und zwar nicht mit dem Alt- und Wohlbekannten, sondern mit einer Ausgrabung, dem «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie» von Max Frisch als Freilichtaufführung im Mai und einer veritablen Uraufführung: denn Dürrenmatts Klassiker «Der Richter und sein Henker» – zur Spielzeiteröffnung am 16. September – gab es überraschenderweise noch nie zuvor auf dem Theater.

Übrigens feiern wir den Spielzeitstart mit gleich drei Premieren innerhalb von drei Wochen. Zuvor möchten wir Sie am 11. September mit einem Theaterfest am Stammsitz des Theater Kanton Zürich in Winterthur auf die Saison einstimmen.

«Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden», heisst es in Siegfried Lenz’ «Landesbühne». Wir freuen uns, mit Ihnen in der kommenden Saison ganz verschiedene Wahrheiten immer wieder neu zu erfinden. Ich wünsche Ihnen anregende Theaterabende mit dem Theater Kanton Zürich und uns allen zusammen eine gelungene erste Spielzeit.

Ihr Rüdiger Burbach
Künstlerischer Leiter

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